Erst nahmen sie sich die Raucher vor ...

Erst nahmen sie sich die Raucher vor und ich habe den Mund gehalten. Dann nahmen sie sich die Trinker vor und ich habe den Mund gehalten. Dann nahmen sie sich die Dicken vor und ich habe den Mund gehalten. Dann nahmen sie sich mich vor. (Frei nach Martin Niemöller)

Mittwoch, 27. Juni 2012

Der Selbstmut-Effekt


Warum es eine Gesundheitslobby gibt.

Lange habe ich mich gefragt, wie Menschen solch unsinnige Veröffentlichungen hervorbringen können, wie das DKFZ, das BfR oder ASH. Ich glaube nicht daran, dass die Leute, die dort arbeiten grundsätzlich böse Menschen sind. Es müssen Sachzwänge sein, die sie in ihre demagogische Ecke getrieben haben. Aber welche könnten das sein, und wie könnte man helfen?

Sie müssen handeln

Angenommen jemand macht Sie zum Minister für für Selbstmut. Kein Mensch hat je Probleme mit Selbstmut gehabt, genaugenommen wissen die meisten nicht einmal, was das bedeuten sollte. Ein Jahr verstreicht und Sie, als Minister verkünden stolz: "mit Selbstmut ist alles in Ordnung". "Fein" sagen alle, der hat seinen Laden im Griff.

Nun verstreicht noch ein Jahr und Sie verkünden wieder (wahrheitsgemäß): "immer noch alles in Ordnung mit  Selbstmut". Da werden langsam einige Leute nervös. "Wieso", fragen sie, "brauchen wir eigentlich ein Ministerium für Selbstmut, da gibt es doch gar nichts zu tun?".

Nun ist ihr Job in Gefahr. Sie müssen handeln. Sie haben zwei Alternativen: entweder Sie verkünden, dass Selbstmut eine tolle Sache ist, und dass wir noch mehr davon brauchen, oder Sie sagen, dass Selbstmut höchst gefährlich ist, und sein Risiko stark unterschätzt wird. Nur "alles in Ordnung" dürfen Sie nicht sagen.

Warnen ist ungefährlich

Ersteres ist eine riskante Sache. Früher oder später wird jemand kommen und sagen: "Selbstmut verursacht Krebs", oder "Selbstmut ist für Kinder attraktiv". Da würden Sie schön blöd darstehen. Da hat man schon ein ganzes Ministerium für  Selbstmut, und die merken nicht einmal, dass Kinder davon Krebs kriegen. Nein, das ist viel zu riskant.

Wenn Sie auf der sicheren Seite segeln wollen, dann müssen sie allen "Gefahren" zuvorkommen. Also behaupten Sie selbst frech: "Selbstmut fordert jährlich 3000 Tote". Wenn dann noch mal jemand kommt mit Kindern und Krebs, dann sagen Sie einfach: "hab ich doch gleich gesagt".

Aber es kommen auch die Zweifler auf den Plan. Sie sagen: "es gibt doch gar kein Problem mit  Selbstmut". Diese Art des Widerspruchs ist viel harmloser, denn schwupps haben Sie die nächste Presse-Erklärung serviert bekommen: "viele unterschätzen die Gefahren von Selbstmut". Und Sie sind wieder im Gespräch.

Beweise lassen sich beschaffen

Schließlich kommen die ganz Harten und verlangen wissentschaftliche Beweise. Jetzt müssen sie wohl oder übel ein Geschäft eingehen. Sie können diese Ergebnisse ja schlecht selbst liefen, denn erstens haben Sie die (natürlich) nicht, und zweitens würde Ihnen keiner glauben. Sie brauchen jemand "Unabhängigen".

Für unsereinen wäre das eine unlösbare Aufgabe, aber Sie leiten ja ein Ministerium und Sie haben ein Budget. Also: bevor es zu spät ist beauftragen Sie einen Joe, eine Studie zu erstellen. Der kann abliefern was er will, solange im Abstract etwas steht wie: "Selbstmut - die Unterschätzte Gefahr". Natürlich wäre es besser, wenn danach eine Studie käme, die die Gefahren von Selbstmut tatsächlich beweisen würde, aber wirklich nötig ist das nicht, dann das liest ohnehin keiner.

Das klappt gut. Aber jetzt haben Sie da ein Feuer, das sie am brennen halten müssen. Immer wieder tauchen diese Leute auf, die "alles Quatsch" rufen und sie müssen mit einer Horrormeldung oder einer Studie parieren. Sonst ist ihr Budget oder sogar ihr schöner Ministerposten futsch. 

Strumpfpuppen kämpfen um ihr Budget

Zur Sicherung ihrer Existienz kommen sie auf die Idee, Joe permanent zu finanzieren. Wenn der von Ihrem Geld lebt, wird er sich hüten sowas wie "Selbstmut - alles Quatsch" zu rufen. Ein paar Joes mehr können auch nicht schaden. Sie träumen davon eine ganze Armee von Strumpfpuppen zu kontrollieren, die das sagen, was sie verlangen, dabei aber so tun, als handle es sich um unabhängige Meinungen.

Aber ihr Budget wird knapp. Was tun?

Sie fangen an, einen heroischen Kampf gegen die Gefahren des Selbstmuts zu führen und für ein größeres Budget zu kämpfen und hin und wieder wird ihnen tatsächlich ein höheres Budget zugeteilt. Wann ist ihr Budget hoch genug? Niemals!

Ein größeres Budget ist immer besser, egal wie groß es bereits ist. Das Selbe gilt für alle anderen Sachen, die sie durchgesetzt haben: es ist niemals genug. Die Gesetze sind noch nicht ausreichend, die Öffentlichkeit ist noch nicht genügend alarmiert und mehr Forschung wird benötigt. Denken Sie immer daran: sobald sie sagen: "jetzt ist es gut", sind Sie weg vom Fenster.

Verrlangen Sie eine Selbstmut-Steuer und erheben Sie Anspruch auf einen Teil der Steuereinnahmen. Geben Sie dem Finanzminister aber auch etwas davon ab, damit er auf Ihrer Seite bleibt. Dieses Mittel ist ausgeschöpft, wenn weitere Steuererhöungen zu geringeren Steuereinnahmen führen. Aber auch dann fordern Sie weitere Erhöhungen, nur diesmal werden sie am Finanzminister scheitern. Aber Sie bleiben im Gespräch.

Steuergelder sind aber nicht die einzig mögliche Einnahmequelle. Sollte es eine Industrie geben, die ein Interesse daran hat, Selbstmut zu bekämpfen, dann versuchen Sie sich von denen fördern zu lassen.

Gesellschaftliche Spaltung

Bei Ihrem Kampf um ein höheres Budget ist es nützlich, wenn es gelingt die Bevölkerung in zwei Gruppen zu spalten. Die Einen halten Sebstmut für ungefährlich und bangen um ihre bürgerlichen Freiheiten, während die Anderen höllische Angst vor Selbstmut  haben und am liebsten ein generelles Verbot sehen würden.

Beide Gruppen sind letztlich nützlich für Sie, was Sie nicht brauchen können sind die Gleichgültigen. Also sorgen Sie dafür, dass sich die beiden Gruppen ordentlich bekriegen. Um die Sache in Schwung zu kriegen gründen Sie selbst ein paar Initiativen, die "Selbstmut-Kontrolle" oder so ähnlich heißen. Notfalls gründen Sie auch ein paar Initiativen "Pro-Selbstmut", sollten die nicht von alleine entstehen.

Prangern Sie die Selstmut-Industrie an. In dieser Phase ist es von entscheidender Bedeutung den Menschen klar zu machen, dass sie sich dem Selbstmut-Problem nicht entziehen können. Machen Sie klar, dass auch Leute, die mit Selbstmut gar nichts zu tun haben, indirekt doch unter den Folgen zu leiden haben. Machen Sie den Selbstmut-Gegnern klar, dass sie Opfer der Selbstmut-Industrie sind. Lassen Sie Joe ein paar Studien dazu erstellen.

Moralische Überlegenheit

Machen Sie auch deutlich, dass die Selbstmut-Gegner grundsätzlich die Guten sind. Damit gehören Sie und ihr Ministerium automatisch auch zu den Guten. Zu den Bösen gehört die Selbstmut-Industrie and all Ihre Kritiker. Behaupten Sie, dass Ihre Kritiker von der Selbstmut-Industrie bezahlt werden.

Scheuen Sie auch nicht davor zurück, zu lügen dass sich die Balken biegen. Es macht nichts, wenn man Sie postwendend widerlegt. Das verschafft ihnen zusätzliche Gelegenheiten ihre Gegner ins moralische Abseits zu stellen.

Argumentieren Sie so: alleine an der Tatsache, dass ihre Gegner Sie kritisieren, erkennt man was für Schurken das sind. Wenn sie von verschiedenen Gruppen attackiert werden, dann argumentieren Sie, dass die eine Gruppe offenbar ähnliche Ziele verfolgt wie die andere, und dass die andere Gruppe aus Schurken besteht ist eh klar.

Gesetze

Fordern Sie neue Gesetzte. Damit bleiben Sie im Gespräch. Das schöne daran ist, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, dass die Gesetze einen Nutzen bringen. Sollten sie das tun, dann behaupten Sie, dass dank ihrer Gesetze das Sebstmut-Problem zurückgegangen ist. Haben die Gesetze keinen, oder gar einen gegenteiligen Effekt, dann sagen Sie, dass die vorhandenen Gesetze noch nicht ausreichen.

Besonders nützlich ist es, wenn ihre Gesetze Schaden an anderer Stelle anrichten. Wenn Sie z.B. damit anfangen, Jungendliche wegen Selbstmut-Vergehen in den Knast zu stecken, dann vernichten Sie Existenzen und züchten neue Kriminelle. Das kann ihnen aber nur recht sein. Sie sagen einfach: "Selbstmut führt zu Kriminalität" und können das ausnahmsweise sogar mit Statistiken belegen. Ha!

Konkurrenz

Gefahr droht Ihnen nicht so sehr von Ihren Gegnern, als von Produkten, die das Zeug dazu haben Selbstmut vom Markt zu verdrängen. Diese Produkte müssen sie unbedingt bekämpfen. Argumentieren Sie so: da diese Produkte Selbstmut ersetzen, sind sie offenbar ähnliches Teufelszeug wie Selbsmut. Sagen sie dass Kinder davon Krebs bekommen.

Internationalisierung

Es schadet auch nicht, das Problem auf die internationale Bühne zu heben. Halten sie eine internationale Konferenz ab, zu der sie Leute aus anderen Ländern einladen, die sich nach mehr öffentlicher Wahrnehmung sehnen. Vielleicht gründen sie im Anschluss sogar eine "Welt-Selbstmut-Organisation". Wenn sie die bei der UNO plaziert kriegen, sollten ihre Budgetproblem endgültig der Vergangenheit anghören. Nun können Sie soviele Joes bezahlen, dass Sie vor Kritikern keine Angst mehr zu haben brauchen.

Sie können dann internationale Verträge abschließen. Sie können beispielsweise, die von vielen geforderten wissenschaftlichen Beweise einfach per Vertrag "als in überwältigen Maße vorhanden" deklarieren.  Lassen sie alle Mitglieder unterschreiben, und wenn wieder jemand Beweise sehen will, zeigen Sie ihm den Vertrag und sagen: "da steht's doch". Das ist noch einfacher als Joe zu bezahlen.

Wenn in mehreren Ländern das Selbstmut-Problem in der Öffentlichkeit diskutiert wird, haben Sie ferner den Vorteil, dass Sie aus den  subtilen Unteschiede in den verschiedenen Ländern Kapital schlagen können. Vielleicht gibt ein Land mehr Geld für Selbstmut-Kontrolle aus als ihr eigenes, oder es gibt härtere Strafen bei Selbstmut Vergehen. Also prangern sie das an: "Deutschland hinkt im internationalen Vegleich hinterher".


So, oder so ähnlich könnte die Sache gelaufen sein.












Kommentare:

  1. Schöne Satire, so ähnlich kann Vieles gelaufen sein.

    Einen guten Überblick über die Internationalisierung von Gesundheitskampagnen (in diesem Falle Rauchverbote) bietet auch dieser Beitrag: http://www.ruhrbarone.de/radikales-rauchverbot-in-der-gastronomie-und-wie-geht-es-weiter/

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  2. Ja, so könnte es gelaufen sein.
    Oder aber einige Joes hatten damals heimlich dafür gesorgt hat, dass Sie den Ministerposten bekommen und sie geben Ihnen nur das Gefühl, sie würden diese schlaue Entwicklung gesteuert haben ....

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