Erst nahmen sie sich die Raucher vor ...

Erst nahmen sie sich die Raucher vor und ich habe den Mund gehalten. Dann nahmen sie sich die Trinker vor und ich habe den Mund gehalten. Dann nahmen sie sich die Dicken vor und ich habe den Mund gehalten. Dann nahmen sie sich mich vor. (Frei nach Martin Niemöller)

Sonntag, 12. April 2015

Sexismus in Stellenanzeigen

Ich neige dazu über Sprachregelungen zu lästern, die verlangen, dass Schüler "Lernende" genannt werden. Aber die Wikipedia-Seite zum generischen Maskulinum bachte mich dann doch zum Nachdeken.

Dort ist nämlich folgendes zu lesen:

Da allerdings nur die männliche Form generisch verwendet wird, deutet das Ergebnis der Studie darauf hin, dass Frauen sich von Stellenangeboten, die generische Maskulina verwenden, weniger angesprochen fühlen und deshalb von einer Bewerbung absehen.

Das möchte ich nun doch nicht haben. Wenn Jobs für Frauen geeignet sind, dann möchte ich nicht, dass sie sich durch die Formulierung des Stellenabgebots davon abgebracht werden, sich zu bewerben. Dann vielleicht doch besser Lehrkraft statt Lehrer und Müllabholende statt Müllmann.

Bei der zitierten Studie handelt es sich eigentlich um zwei Studien, die beide hier veröffentlicht wurden:

Sandra L. Bem, Daryl J. Bem: Does Sex-biased Job Advertising “Aid and Abet” Sex Discrimination? In: Journal of Applied Social Psychology. 3, Nr. 1, 1973, S. 6–18

Ich war so frei sie zu lesen.

In der Einleitung erfährt man, dass Diskreminierung wegen Rasse, Hautfarbe, Religion und Geschlecht in den USA verboten sind, und dass der Zusatz "and sex" ursprünglich als Witz aufgefasst wurde und auch so gemeint war. Nun gut

Die erste Studie

In der ersten Studie geht es um Stellenangebote, die sich gezielt und bewusst an ein Geschlecht wenden und dem Gesetz nur dadurch genüge tun, indem sie am Ende "Pacific Telephone, An Equal Opportunity Employer m/f" schreiben.

Pacific Telephone Anzeigen wurden 120 Probanten beiderlei Geschlechts vorgelegt, und zwar
  • geschlechts-spezifisch (das war das Original),
  • neutralisiert und 
  • geschlechts-spezifisch mit vertauschen Rollen
Dabei waren die neutralisierten und vertauschen Anzeigen gegenüber den Originalen deutlich umformuliert. Männer fühlten sich von Jobs als "Fräulein vom Amt" weniger angesprochen als von solchen, in denen der selbe Job mit "wir suchen einen Mann mit einer sonoren männlichen Stimme" beschrieben wurde.

Die Studie beweist, dass wenn man gezielt nach Bewerbern eines Geschlechts sucht, sich bevorzugt Bewerber dieses Geschlechts bewerben und der "equal opportunity" Nachsatz daran nicht viel ändert. Mit dem generischen maskulinum hat diese Stude nichts zu tun und Wikipedia zitiert sie hier im falschen Kontext.

Die zweite Studie

In der zweiten Studie geht es darum, welchen Einfluss es hat, wenn man Stellenanzeigen in einer Zeitung in zwei Rubriken unterteilt, nämlich "Jobs für Männer" und "Jobs für Frauen". Der Versuch wurde mit 52 Probanten durchgeführt, alles Frauen.

Unglücklicherweise sind die Ergebnisse völlig anders dargestellt als die der ersten Studie, obwohl sie von den gleichen Leuten durchgeführt wurden. Die Frage, wie groß der Einfluss der Rubrik ist, im Vergleich zu geschlechtsspezifischen Texten lässt sich so leider nicht beantworten. Im Grunde genommen kann ich das Ergebnis nicht wirklich interpretieren, aber es sagt wohl aus, dass auch die Rubrik einen Einfluss hat.

Fazit

Im Postscript steht, das AT&T den Prozess verloren hat und sich verpflichtete, den Anteil der beschäftigten Frauen auf einen gewissen Prozentsatz zu erhöhen.

Die Studien wurden angefertigt, um ein bestimmtes gewünschtes Ergebnis zu produzieren, denn sie sollten ja in einem Prozess die eine Seite unterstützen. Das ist grundsätzlich in Ordnung. Aber über dem Auge der Wissenschaft hebt sich dabei eine Augenbraue. Anwalts-Plädoyers gelten auch dann nicht als wissenschaftliche Fakten, wenn der Prozess gewonnen wurde.

Am wichtigsten ist aber, dass beide Studien gar nichts mit dem generischen maskulinum zu tun haben, aber dennoch in diesem Zusammenhang zitiert werden.

Dienstag, 3. März 2015

Stiftung Warentest und die e-Zigarette

Im März 2015 veröffentlichte die Stiftung Warentest einen Bericht über die e-Zigarette. Der Bericht war im üblichen Konjunktiv-Stil geschrieben, der Autor gibt sich nicht zu erkennen und in den Kommentaren hagelt es Kritik.  Aber eine Bemerkung erweckte meine Aufmerksamkeit.

Anil Batra vom Wissenschaftlichen Aktions­kreis Tabak­entwöhnung findet den kompletten Verzicht besser, als den Kippen­konsum bloß zu verringern oder dauer­haft auf die E-Zigarette umzu­steigen.

Wer ist dieser Wissenschafliche Aktionkreis Tabakentwöhnung (WAT)? Es ist ein eingetragener Verein (District court Frankfurt am Main VR 9737). Eingetragen wurde er 1991. Auf Google gibt es für WAT nur ein paar hundert Treffer und in Google Trends findet man nichts zu WAT. (Stand März 2015). Selbst das DKFZ weckt da mehr Interesse, wenn auch mit fallender Tendenz.

Martina Pötschke-Lange vom DKFZ ist dort Mitglied. WAT gibt zusammen mit dem DKFZ einen Newsletter heraus. Das DKFZ bietet im Gegenzug ein "Curriculum Tabakabhängigkeit und Entwöhnung" an und "Das 20stündige Curriculum Tabakabhängigkeit und Entwöhnung ist zertifiziert durch den Wissenschaftlichen Aktionskreis Tabakentwöhnung (WAT) e.V."

Phantom

Das legt den Verdacht nahe, dass WAT ein Phantom ist, das geschaffen wurde um mehr unabhängige Experten vorzutäuschen als es wirklich gibt.  WAT ist eng mit dem DKFZ vernetzt. Sehr eng.

Bemerkenswert ist, dass sie damit bei Stiftung Warentest durchgekommen sind. Aber vielleicht hat das DKFZ ja den ganzen Bericht selbst geschrieben. Wenn Lobbyisten Gesetze schreiben dürfen, dann doch sicher auch einen Artikel.