Erst nahmen sie sich die Raucher vor ...

Erst nahmen sie sich die Raucher vor und ich habe den Mund gehalten. Dann nahmen sie sich die Trinker vor und ich habe den Mund gehalten. Dann nahmen sie sich die Dicken vor und ich habe den Mund gehalten. Dann nahmen sie sich mich vor. (Frei nach Martin Niemöller)

Sonntag, 26. Mai 2013

Die Seidenstraße

Die anstehenede EU-Tabakrichtline ist dazu angelegt den Konsum von Tabakzigaretten zu fördern. Während dies der erwünschte Effekt sein dürfte, gibt es einen unerwünschten Nebeneffekt: der Schwarzmarkt wird gefördert. Ich kannte den Schwarzmarkt bisher nicht, habe mich aber einmal umgesehen, denn wer in Zukunft Snus oder e-liquids kaufen möchte, wird sich dort bedienen müssen.

Förderung des Tabakkonsums

Die Tabakkonzerne haben ein Interesse daran, Zigratetten möglichst teuer zu verkaufen. Der Umsatz interessiert sie weit weniger als der Gewinn. Werden Zigaretten unattraktiver, kann man die Raucher nicht mehr dazu bewegen teure Marken zu kaufen, sie werden verstärkt auf Billigmarken zurückgreifen.

Dadurch sinkt der mittlere Preis von Zigaretten und damit der Gewinn der Tabakkonzerne. Der Konsum von Zigaretten muss dadurch aber noch lange nicht sinken. Im Gegenteil - im Schnitt werden Zigaretten ja billiger.

Das ist der Grund warum Tabakkonzerne nicht erfreut sind über die neue Tabakrichtline. Aber sie bekommen auch etwas zurück: die Tabakrichtlinie erschwert den Zugang zu Snus und e-Zigaretten. Dadurch werden ehemalige Raucher, die auf eines dieser Produkte umgestiegen sind wieder der Zigarettenindustrie in die Arme getrieben. Und was noch wichtiger ist: weitere Umsteiger wird es nicht geben. Der Trend weg von der Tabakzigarette hin zu den weniger schädlichen Alternativen wird gestoppt.

Der Schwarzmarkt schafft Konkurenz

Die Tabaksteuer wird i.d.R. so kalibriert, dass die so hoch wie möglich ist und dass eine weitere Erhöhung zu geringeren Steuereinnahmen führen würde. Nun ist die Raucherquote in der EU in den letzten Jahren annähernd konstant geblieben. Geht man davon aus, dass Raucher Süchtige sind, die jeden Preis bezahlen, um an ihre Droge zu kommen, dann müsste man die Steuern eigentlich beliebig erhöhen können.

Dass das nicht der Fall ist, liegt daran, dass sich Raucher zunehmend Zigaretten aus anderen Quellen beschaffen. Sie kaufen sich Zigaretten im Ausland oder eben auf dem Schwarzmarkt.

Als 2010 in New York State die Stuern auf Zigaretten erhöht wurden, begann der Schwarzmarkt zu boomen. Für fast die Hälfte aller Zigaretten wurden keine Steuern mehr gezahlt.

Schwarzmarkt für e-Liquids

Ein Schwarzmarkt für e-Liquids dürfte sehr schwer zu kontrollieren sein. Den Verkauf von Lebensmittelaromen, Propylenglykol und Glycerin wird man kaum unterbinden können. Davon redet derzeit auch derzeit niemand. Es geht ums Nikotin.

Aber drei 100ml Fläschchen 38er Basis reichen einem Dampfer bereits ein ganzes Jahr. Diese drei Flaschen passen locker in jede Damenhandtasche. Ein Raucher benötigt in der gleichen Zeit rund 36 Stangen Zigaretten. Das ist schon ein ganzer Koffer voll.

Dabei ist 38er Basis noch relativ stark verdünnt. Der Nikotingehalt beträgt gerade mal 3,8%. Es ist zu erwarten, dass in Zukunft verstärkt hoch konzentriertes Nikotin auf dem Schwarzmarkt erscheinen wird, da es viel leichter zu schmuggeln ist.

Wäre das Nikotin 10mal so konzentriert, würden die 300ml bereits 10 Jahre reichen. Geht man mit der Konzentration noch höher, braucht man weniger als einen Liter für einen lebenslangen Vorrat.

Den gleichen Effekt konnte man auch während der Prohibition in den USA beobachten. Hochprozentiges wurde vermehrt konsumiert. Nach dem Ende der Prohibition wurde wieder verstärkt auf Bier und Wein zurückgegriffen.

Schwarz gebrannter Schnaps ("moonshine") führte damals häufig zu Vergiftungen. Mit hoch konzentriertem Nikotin ist Ähnliches zu erwarten. Nikotin wird gut durch die Haut aufgenommen. Kleckert man sich versehentlich 38er Basis über die Finger, kann man gelassen zum Wasserhahn gehen und sich die Hände waschen. Bei 100%igem Nikotin ist es fraglich, ob man den Wasserhahn noch rechtzeitig erreicht.

Schwarzmarkt für Snus

Snus hat es deutlich schwerer auf dem Schwarzmarkt Fuß zu fassen. Nikotin ist als solches nicht mit bloßem Auge zu erkennen, es ist einfach eine farblose oder leicht bräunliche Flüssigkeit. Snus dagegen erkennt man sofort.

Auch die Volumenverhältnisse sind weniger günstig. Eine Dose Snus ist etwa so groß wie eine Schachtel Zigaretten und reicht für drei Tage. Er ist damit zwar immer noch leichter zu schmuggeln als Tabakzigaretten, aber da der Markt auch deutlich kleiner ist, dürfte das Verhältnis von Risiko und Gewinn doch eher ungünstig ausfallen.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass Snus Konsumenten damit anfangen Snus selbst herzustellen. Tabak wird es ja weiterhin geben, wenn auch keinen der solch niedrige TSNA Werte aufweist wie schwedischer Snus. Denkbar ist auch, dass selbstgemachter Snus überhaupt keinen Tabak enthält, sondern mit Hilfe von Nikotinlösung hergestellt oder zumindest aufgepeppt wird.

Lediglich in Finnland soll es derzeit einen Schwarzmarkt für Snus geben.

Wo ist der Schwarzmarkt?

Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wo ich geschmuggelte Zigaretten kaufen sollte. Und wenn ich in google eine site finden würde, sie solche anbietet - ich würde es nicht glauben. Ist das Gerede um den Schwarzmarkt bloß ein Mythos, oder zumindest nichts für mich?

Fest steht allerdings, dass der Schwarzmarkt im Internet sein muss. Bei so vielen Dingen, die heute verboten sind, kann ein einziger Dealer unmöglich alles abdecken. Und ich möchte mich auch nicht in dunklen Gassen verabreden, bloß um eine Dose Snus zu kaufen. Ein Schwarzmarkt im Internet muss mit ausgefuchsten Anonymisierungs-Methoden arbeiten. Ist das technisch machbar?

Nachdem mir die EU in Aussicht gestellt hatte, demnächst wieder Zigaretten rauchen zu müssen, habe ich mich vorsorglich auf die Suche begeben. Noch gibt es ja e-Zigaretten (Snus gibt es schon nicht mehr), aber wenn es soweit ist, möchte ich vorbereitet sein.

Anonymisierung

Und siehe da: es gibt einen Schwarzmarkt auf dem Internet. An vorderster Front ist da Silk Road zu nennen. Es ist nicht ganz einfach sich dort zu registrieren. Wer glaubt es würde ausreichen in einem Browser einen URL einzutippen, liegt falsch.

Der Zugang zu Silk Road erfolgt grundsätzlich über das Tor ("The Onion Router") Netzwerk. Dieses Netzwerk macht es den Strafverfolgern sehr schwer die Identität eines Benutzers festzustellen. Das Netzwerk ist sehr langsam.Zum Runterladen von illegaler Musik oder gar Filmen ist Tor wenig geeignet.

Zusätzlich brauch man noch einen Proxy (privoxy), damit verhindert wird, dass die DNS-Anfragen nachverfolgt werden können. Bis man einen Zuganz zu Silk Road eingerichtet hat, kann man schon mal eine Stunde am fummeln sein. Es gibt auf der TOR website aber auch ein all-in-one Lösung, womit es etwas schneller geht.

Bezahlt wird mit Bitcoins. Das ist eine "verschlüsselte Währung". Ein Bitcoin ist derzeit etwa 100 EUR Wert. Zahnungen mit Bitcoins lassen sich nicht zurückverfolgen - es ist Geld, wie es früher einmal war. Interessanterweise haben Bitcoins einen schwankenden Wechselkurs zum Euro und anderen Währungen. Wer vor einem Jahr in Bitcoins investiert hatte, konnte einen satten Gewinn einstreichen.


Für Tor, privoxy und Bitcoins gibt es einschlägige Anleitungen auf dem Netz, die ich hier nicht wiederholen werde.

Silk Road

Silk Road sieht aus und fühlt sich an, wie eine hundsgewöhnliche online-Plattform, wie Amazon, oder eBay. Sogar ein Bewertungssystem gibt es.

Das Angebot bei Silk Road ist noch nicht auf uns ex-Raucher zugeschnitten. E-Liquids gibt es dort natürlich nicht, denn dieses sind ja noch legal. Snus wird dort noch nicht angeboten. Es gibt aber ein Forum, in dem "Produktanfragen" gestellt werden können. Dort findet man bereits einige Anfragen.



Zigaretten gibt es dagegen in rauen Mengen. Ein Stange kostet etwa 0.2B also rund 20 EUR.


Aber es gibt nicht nur Zigaretten bei Silk Road, sondern noch jede Menge andere Drogen. Es überkommt einen ein merkwürdiges Gefühl, wenn man Nikotinprodukte gleich neben Kokain und Heroin angeboten sieht.








Atlantis

Silk Road hat inzwischen Konkurrenz von einer Seite namens Atlantis bekommen. Skeptiker argwöhnen, dass es sich dabei um einen honeypot handeln könnte, mit dem Anbieter und Konsumenten angelockt werden sollen. Die Anonymisierung gilt jedenfalls bei Atlantis als weniger konsequent umgesetzt.

Grundsätzlich ist es jedoch erfreulich, wenn es auch auf dem Schwarzmarkt Konkurrenz gibt, denn sonst könnte man kaum von einem Markt sprechen.

The Deep Net

Unter der Oberfläche des Internets schlummert ein weiteres Netz, das nicht in Google auffindbar ist, und das nicht über normale URLs zu erreichen ist. Dieses Netz wird auch als the deep net oder the dark net bezeichnet. Dort gibt es nicht nur Nikotin, sondern auch Kinderpornographie und Auftragsmorde.

Die zugrundeliegende TOR-Technologie wurde ursprünglich entwickelt um bösen Regierungen die Möglichkeit zu nehmen ihre Bürger von Informationen abzuschotten. Dank der Prohibitionisten wird das deep net nun auch in demokratischen Ländern gebraucht.

Moral

Durch die fortschreitende Prohibition können sich Drogendealer mehr und mehr als die "Guten" präsentieren. Die Betreiber von Silk Road und Atlantis verstehen sich als Freiheitskämpfer bzw. Libertarians. Vor 30 Jahren hätte sich wohl kaum ein Heroin-Dealer so bezeichnet. Inzwischen klebt an den Händen der Prohibitionisten aber so viel Blut, dass Drogendealer dem Einen oder Anderen als das geringere Übel erscheinen mögen.

Der Markt ist stark am wachsen und die Prohibitionisten sorgen ständig für neue Kunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Entwicklung noch zu stoppen ist, zumindest nicht mit Methoden der Strafverfolgung.

Man sollte sich übrigerns wirklich gut mit Anonymisierungs-Techniken auskennen, bevor man sich mit dem Internet-Schwarzmarkt einlässt.







Kommentare:

  1. Wie schaut die Geschichte in nicht EU Staaten insbesondere der Schweiz aus. Man konnte nach der unsäglichen, sinnlosen EU Normierungwut der Zigarettenmaße in der Schweiz immernoch richtge schmackhafte Zigaretten erwerben. Und das sogar noch güstiger als im Herstellerland.

    Leider entsteht im EU Raum keine fordernde Öffentlichkeit für Brüssels Skandale, die an den Pranger zu stellen wären - nicht nur in diesem Blog sondern dort wo den Verantwortlichen Konsequenzen drohen.

    --Lung Han

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  2. Nix. Die Gauloises sind auch in der Schweiz nicht mehr das was sie mal waren. Neben den Maßen, hat die EU ja auch den Nikotingehalt reguliert und auf 1mg begrenzt.

    In der Zeit davor haben die Prohibitionisten der Tabakindustrie vorgeworfen, dass "Light" Zigaretten nichts bringen, weil man davon dann einfach mehr raucht. Das Argument scheint die EU überzeugt zu haben.

    Der Wunsch, Abgeordnete, die die Tabakrichtline und ähnliche Verodnungen einfach durchwinken vor Gericht zu stellen, wurde schon mehrfach geäußert.

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